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Kampen, Welle und Todtshorn
Heimatbuch des südlichen Todt

Vorwort des Verfassers


In der Sitzung des Rates der Gemeinde Welle am 29. April 2002 beschloß man die Berufung eines Archivars, dessen Aufgabe speziell die Erstellung einer Chronik sein sollte. Für diese Aufgabe hatte man mich in die nähere Wahl gezogen. Als sich Bürgermeister Nelke vorher mit mir darüber unterhielt, um meine Bereitschaft zu erkunden, tat ich mich anfangs mit einer Zusage recht schwer. Einerseits hatte sich eine ganze Reihe von Aufgaben für meinen vorgezogenen Ruhestand aufgetürmt, andererseits ging ich davon aus, daß es über ein so kleines Dorf kaum Nennenswertes zu berichten gäbe. Die Aussagen anderer Chronisten über den Arbeitsumfang eines solchen Werkes machten mir nicht gerade Mut, so etwas zu beginnen. Wenn auch die moderne Computer-, Reproduktions- und Vervielfältigungs- und Drucktechnik heute vieles einfacher macht ? es wurden Archive modernisiert und erweitert, übersichtliche Register erstellt, umfangreiche Fachberichte durch bekannte Experten erarbeitet ? so bleibt es doch ein unvorstellbar weites Feld. Die historische Verantwortung eines Heimatforschers ist geblieben, was also heißt, daß das erforderliche Studium umfangreicher Fachliteratur und die detaillierte und korrekte Erforschung von Ereignissen genauso unerläßlich sind wie ehedem. Somit hat sich der schriftstellerische Aufwand nur unwesentlich verändert

Als ich mir dann in einem ruhigen Augenblick die alten Berichte wieder vornahm, in fremden Chroniken blätterte und über unsere Dorfentstehung nachdachte, eröffnete sich mir plötzlich ein recht weitreichender Themenkatalog, allerdings mit ebenso vielen Fragezeichen. Mit einem gewissen Schrecken stellte ich fest, daß von den alten, aussagefähigen Dorfbewohnern kaum noch einer da war, den man hätte befragen können. Hinzu kam, daß es statt einer Dorfchronik eine Gemeindechronik sein mußte, denn Kampen ist nun mal ein wesentlicher und historisch wertvoller Teil unserer Gemeinde. Aber dort sah es mit den alten Menschen ganz ähnlich aus. Mir wurde klar, daß auch ich mittlerweile ein Teil der älteren Generation geworden war. Die jungen Menschen können die alten Schriften nicht mehr lesen. Falls es überhaupt noch gelingen würde, die Verbindung zu den Zeiten unserer Groß- und Urgroßeltern herzustellen, so mußte es jetzt sein, oder jener Teil unserer Dorfgeschichte würde unwiederbringlich verloren gehen. Es zeigte sich bald, daß hier nicht einfach nur etwas aufzuschreiben, sondern eine heimatkundliche Forschungsaufgabe zu lösen war. Da die dazu erforderlichen Kenntnisse der alten Schriften und das Erforschen alter Urkunden schon lange ein Hobby von mir waren und mir auch ein Teil der Quellenkunde geläufig war, gab ich schließlich meine Zusage. Beim Sichten der noch vorhandenen Gemeinde-Unterlagen stellte ich zu meiner großen Freude fest, daß die Rezesse der Verkoppelung aus der Zeit um 1850 fast komplett in gutem Zustand vorlagen, ebenso deren Vorgänger von 1798, 1838 und 1843. Die Übertragung derselben aus der alt-deutschen in die lateinische Schrift gab auch mir einen völlig neuen Blickwinkel. Die dazu gehörenden Karten wurden mir dankenswerterweise im Katasteramt in Winsen zur Verfügung gestellt. Diese Unterlagen sind es, die die eigentliche Verknüpfung der früheren Zustände zu den jetzigen herstellen können.

Für wen ist nun dieses Buch gemacht? Wenn auch eine Chronik bis zu einem gewissen Grade wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht werden sollte, so soll jedoch in erster Linie der Mensch im Dorfe sie verstehen und die alten Zusammenhänge begreifen. Leider mußte ich in vielen Gesprächen feststellen, daß das Wissen über frühere Zustände, selbst wenn sie nur 100 bis 150 Jahre zurückliegen, in der heutigen Bevölkerung vielfach gleich Null ist. Deshalb habe ich mich allgemein nicht wissenschaftlich ausgedrückt und mich bemüht, Fremdworte weitgehend zu vermeiden. Dieses Werk soll eine Mischung sein aus Bilderbuch, kurzweiligem Lesebuch, übersichtlichem Nachschlagewerk und aussagefähiger Dorfchronik und trägt daher den Titel

HEIMATBUCH.

Als Sammlung von Geschehnissen unserer Dörfer soll es Wesentliches und Nebensächliches nebeneinander aufreihen, einfach nur, damit es nicht in Vergessenheit gerät. Es kann weder den Anspruch auf Vollständigkeit noch auf absolute Richtigkeit erheben. Es soll auch nicht den Eindruck erwecken, daß wir die Bedeutung unserer kleinen Dörfer zu wichtig nehmen; vielmehr wollen wir in aller Bescheidenheit erkennen, daß wir im Laufe der vergangenen Jahrhunderte fast immer dem Flecken Tostedt zugehörig waren, sei es als Kirchspiel, Vogtei, Gerichtsbezirk, Handelszentrum oder Verwaltungsort der Samtgemeinde. Darüberhinaus war unsere Heimat seit dem Mittelalter immer ein Teil Sachsens, später des Herzogtums Braunschweig-Lüneburg und des Königreichs Hannover, bis es schließlich preußisch wurde.

Ein gut gestaffeltes und klar definiertes Inhaltsverzeichnis ist stets Grundlage eines solchen Werkes, welches sich immer aus Einzelberichten zusammensetzt und wohl auch niemals als Ganzes gelesen werden wird. Jede Chronik eines Ortes ist zwangsläufig eingebettet in das Geschick einer größeren Region und so auch abhängig von der politischen Situation seiner Umgebung und seiner nationalen Staatseinheit. Deshalb habe ich historische Geschehnisse, die man in jedem Geschichtsbuch nachlesen kann, hierin nur auszugsweise in ihrem speziellen Bezug behandelt und darüber hinaus in Form von Übersichten zusammengefaßt. Die Darstellung des gesamten Buchinhalts ist zwar chronologisch aufgebaut; jedoch haben einzelne Kapitel innerhalb desselben in vielen Fällen eine eigene Chronologie, wie z.B. die Berichte über das Postwesen, das Mühlenwesen, die Schmiedemeister, die Schule, die Bauernbefreiung und weitere. Wiederholungen ließen sich in einigen Fällen nicht vermeiden; an einigen Stellen waren sie durch die Konzeption und Gliederung des Buches aus informativen Gründen sogar geboten.

Warum hier auch über Todtshorn berichtet wird, obwohl es doch nicht zu unserer Gemeinde gehört? Nun, eine Chronik der Gemeinde Otter ist in absehbarer Zeit nicht zu erwarten, andererseits haben Welle und Kampen mit dem Ort Todtshorn eine Fülle von Gemeinsamkeiten, angefangen von der prähistorischen Besiedlung über die Entstehung der Althöfe bis hin zur Neuzeit, das frühe Dorfschulwesen, Familienverbindungen, Gemeinschaften in den Vereinen für Schützen und Sportler, Friedhofs- und Kapellengemeinschaft bis hin zur Gründung des damaligen Feuerwehrverbandes. Fast hätte es ja auch eine gemeinsame politische Gemeinde gegeben; da es jedoch anders kam, bricht an jener Stelle die Berichterstattung über Todtshorn ab. Will man, was durchaus berechtigt ist, Otter gleichfalls als Teil des südlichen Todt betrachten, so könnte man, in welchem Rahmen auch immer, darüber in einem eigenen Buch berichten. Genügend Stoff dafür gäbe es allemal.

Grundsätzlich habe ich mich bemüht, Einzelheiten aus alten Akten und Urkunden nicht nur für unsere drei Dörfer aufzuführen, sondern sie im Vergleich mit den anderen Orten der ganzen Vogtei Tostedt darzustellen, denn erst durch die Vergleichsmöglichkeiten werden die übermittelten Zahlen aussagefähig. Für die Ortsnamen wurde allgemein die zeitgenössische Schreibweise verwendet, z.B. Campe bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts, Campen bis etwa 1936 und danach Kampen. Ähnliches gilt für Todtshorn und Welle. Auch wo andere Orte der Umgegend erwähnt sind, wurde immer die alte Benennung aus Urkunden und Akten verwendet wie Glusinge/Glüsingen für das heutige Todtglüsingen, Handorf für das im Jahre 1936 umbenannte Handeloh sowie Everstorf und Avensen für die Zusammenfassung in den heutigen Ort Heidenau. Die Ergebnisse der umstrittenen und immer noch heiß diskutierten Rechtschreibreform fanden in dem vorliegenden Buch keine Verwendung.

Sicherlich werden nach Drucklegung dieses Buches weitere Quellen erschlossen, die gewisse Abläufe unserer Dörfergeschichte in einem anderen Licht erscheinen lassen; möglicherweise könnten dadurch einige Darstellungen sich als nicht ganz korrekt erweisen oder an einigen Stellen noch Tipp- und Druckfehler auftauchen. Dafür möchte ich schon vorab um Entschuldigung bitten. Mit jedem Tag, den man an einem solchen Buchkonzept arbeitet, gibt man neue Dinge hinzu oder fügt Änderungen ein. Der große Goethe sagte einmal in einer ähnlichen Situation:

"Solch eine Arbeit wird eigentlich niemals fertig;
man muß sie als fertig erklären, wenn man nach
Zeit und Umständen das Mögliche daran getan hat"

Gern hätte ich für meine Arbeiten einen Zeitraum von etwa zehn Jahren zur Verfügung gehabt. Jedoch ein Ereignis wie das 900-jährige Jubiläum der urkundlichen Ersterwähnung für Kampen und Todtshorn setzt seinen eigenen Termin für die Herausgabe eines solchen Werkes. In diesem Sinne möchte ich unser Heimatbuch für ?vorläufig? fertig erklären und es der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Möge der Leser es wohlwollend aufnehmen, mit sachlicher Kritik vorgehen und Freude beim Lesen empfinden.

Gedankt sei dem PD-Verlag für die sorgfältige Gestaltung.

Welle, im April 2005 Helmut R. Tödter






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